Exkurs: Messenger – Milliarden von Fliegen können sich nicht irren?

Jens von der Manufaktur für digitale Selbstverteidigung hat sich diese Woche des Themas Messenger angenommen. Ein guter Anlass, den Gebrauch dieser Kommunikationstools wie WhatsApp, Telegram … ein wenig zu kommentieren. 

Drei Punkte halte ich von Jens’ Ausführungen nochmal für erwähnenswert:

Metadaten

 

Jens weisst darauf hin, dass es den Anbietern um die Metadaten[1] geht. Es handelt sich also nicht um die eigentlichen Daten, im Falle eines Messengers also den Text der Nachricht, sondern um die begleitenden Informationen. Diese werden benötigt, um den eigentlichen Zweck, hier also den Austausch des Textes, erfüllen zu können. Im Falle eines Messengers sind das mindestens wann Ihr mit wem kommuniziert. 

Aber da geht noch mehr. Aufgrund der Standortbestimmung kann die Messenger-App feststellen, wo Ihr seid. Und wer in Eurer Nähe ist, weil die Position anderer Smartphones durch die gleiche App bestimmt wird. Mit welchen Personen trefft Ihr Euch regelmäßig? Zum Kino, zum Sport, in der Kneipe? Oder wie wärs mit dem lokalen Rotlichtbezirk? Das alles und mehr kann über Euch in Erfahrung gebracht werden, ohne auch nur ein einziges Wort des Textes Eurer Nachrichten mitzulesen.

Vertrauen

 

Apps wie z.B. Messenger sind auf dem Smartphone schnell installiert. Wir vertrauen jeden Tag mit der Nutzung dieser Apps Firmen und Organisationen zum Teil blindlings unsere sensibelsten Daten an. Hinter den Firmen steht aber fast immer ein kommerzielles Interesse. Diese Unternehmen werden geführt von Leuten, die mal mehr, mal weniger gewillt sind für den Erfolg über Leichen zu gehen. Wenn es um Geld geht ist für Skrupel und Anstand nur wenig Platz. Schaut man sich an, wie wenig eine Firma wie Facebook von zig und hundert Millionen Euro schweren Geldstrafen[2] zu beeindrucken ist, wer wird Jens’ Zweifel an der Gesetzestreue solcher Konzerne nicht nachvollziehen können? 

Und leider zeigt die Erfahrung, dass viele Unternehmen anständig starten, d.h. mit benutzerfreundlichem und datenschutzkonformen Vorgehen. Wenn aber dann viel Geld im Spiel ist, dann wird der Verbraucherschutz schnell über Bord geworfen. So wurde bei der Übernahme von Whatsapp durch Facebook eine klare Trennung der Daten beider Systeme versprochen. Nur zwei Jahre später hat Facebook sich darüber hinweggesetzt[3].

Kostenlos=umsonst?

 

Ein wichtiger Punkt ist die Qualität, “leider” funktioniert die Software der Datenkraken. Na klar, wenn Du viele Leute anfixen willst und es kostenlose Alternativen gibt, dann sollte dein Stoff wenigstens die beste Qualität haben. Wie kann es sein, dass Firmen wie mailbox.org für ein bezüglich Datenschutz einwandfreies und technisch hervorragendes Email-Angebot 1EUR im Monat nehmen müssen, um zu überleben, Google aber das Angebot umsonst raushaut? Und gleich noch Speicher ohne Ende drauflegt … Wir würden doch auch mißtrauisch, wenn uns jemand “kostenlos” eine Überwachungskamera für zuhause anbietet (ok, seit Alexa und Co. glaube ich daran nicht mehr), aber bei Internetdiensten gehen wir alle immer mit dem fremden Mann mit, weil der ja die leckersten Bonbons hat? 

Der optimale Messenger?

 

Aber es gibt Alternativen zu allen Internetdiensten der Datenkraken. Speziell im Falle der Messenger kann man daraus, wenn man will, eine Wissenschaft machen. Für einen Vortrag habe ich mal folgende Liste der Kriterien für einen optimalen Messenger zusammengefasst (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und basierend auf https://www.kuketz-blog.de/messenger-kriterien-an-sicherheit-und-datenschutz/ .

– weit verbreitet unter meinen Kontakten sollte er sein

– wenig Metadaten (s.o.) sammeln

– dezentralisiert sein, damit nicht an einer Stelle mitgelesen werden kann

– nicht telefonnummernbasiert arbeiten, denn warum soll jeder, mit dem ich schreibe meine Telefonnummer bekommen 

– datensparsam mit Kontaktlisten umgehen, denn vielleicht wollen meine Kontakte nicht alle bei dem Anbieter des Messengers gespeichert werden

– auf iOS, Android, PC, Mac, im Web verfügbar sein

– Open-Source sein, d.h. die Messenger-App kann von unabhängiger Stelle untersucht werden

– Sticker bieten :-), wenn man die Kommunikation etwas bunter mag

– Telefonieren sollte möglich sein

– eine gute Verschlüsselung sollte geboten sein

Ganz ehrlich, man kann versuchen, das alles zu finden, kann man aber auch sein lassen. Wird eh nix, irgendeinen Tod muss man sterben. Und das ist auch ok. Denn Whatsapp bietet das ja auch nicht alles. Und hier geht es nicht um die akademische Eierlegendewollmilchsau, sondern um eine echte Alternative. 

Ein alternativer Messenger

 

Und die gibt es mit Signal[4]. Dahinter steht zunächst einmal eine gemeinnützige Organisation[5], das schafft doch schonmal ein wenig mehr Vertrauen als ein profitorientiertes Unternehmen. Dann ist das Ganze Open-Source, damit kann jeder die Funktionsweise des Messengers untersuchen. Technisch und funktionell ist die App durchaus mit Whatsapp zu vergleichen. Und ein kleines Schmankerl, die Verschlüsselung von Whatsapp wurde bei Signal erfunden.

Ein möglicher Nachteil, nicht alle unsere Kontakte sind bei Signal. Na und? Jeder, der nur 5 Apps auf dem Handy hat und sich jetzt über die Sechste beklagt bekommt mein Mitleid und Verständnis. Und wir anderen installieren halt die zweihunderterste App und kommunizieren mit dem Sportverein über Whatsapp, mit der Familie über Signal, mit dem Stammtisch über Threema … Diversifikation sorgt dafür, dass nicht die Informationen über unser gesamtes Leben in den Händen einer einzigen Firma landen.

Es gibt Alternativen und man muss nicht überall das machen, was alle tun. Muss man halt wollen und einfach mal versuchen. Und die 100% Lösung muss es nicht sein, kleine Schritte zählen auch. Also probiert doch einfach mal Signal aus und berichtet wie es damit läuft.

m


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Metadaten

[2] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Facebook-drohen-wegen-Datenschutzvergehen-pro-Tag-250-000-Euro-Strafe-3972348.html

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Datenschutzverstoss-1-2-Millionen-Euro-Strafe-fuer-Facebook-in-Spanien-3826957.html

https://www.heise.de/newsticker/meldung/WhatsApp-Uebernahme-EU-verlangt-110-Millionen-Euro-Strafe-von-Facebook-3716526.html

[3] https://www.heise.de/newsticker/meldung/WhatsApp-Uebernahme-EU-verlangt-110-Millionen-Euro-Strafe-von-Facebook-3716526.html

[4] https://signal.org/

[5] https://signal.org/blog/signal-foundation/

https://www.golem.de/news/signal-foundation-whatsapp-gruender-investiert-50-millionen-us-dollar-in-signal-1802-132911.html

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